Blog
TCRNO12 – Tag 13: Sarajevo, Bobbahn & Checkpoint 3
Sarajevo, Bobbahn und Checkpoint 3
Was für ein Tag heute schon wieder! Der Anstieg aus Sarajevo heraus über die historische Bobbahn war wirklich der absolute Wahnsinn. Oben hat mich ein Mountainbiker angehalten und gemeint: „Du bist doch bekloppt. Fahr doch außen herum, das ist mit dem Gravelbike viel einfacher!“ Ich habe ihm nur gegrinst geantwortet: „Ja, wenn man von hier kommt, weiß man das natürlich. Aber jetzt sind es eh nur noch ein paar Meter.“ Da hat er mir dann auch zugestimmt.
Letztendlich war es auch egal. Die Strecke außen herum wäre länger gewesen und hätte mich wahrscheinlich genauso viel Zeit gekostet. Das zeigt aber ein grundsätzliches Problem bei der Routenplanung: Wer vor Ort lebt, kennt natürlich die besten Schleichwege. Als das Transcontinental vor ein paar Jahren durch Deutschland führte, habe ich mir bei Bekannten Streckenabschnitten auch gedacht: So würde ich da jetzt nie fahren. Man plant zu Hause anhand von Satellitenbildern und Karten. Ob das vor Ort die idealste Lösung ist, sieht man erst, wenn man davor steht. Manchmal passt es perfekt, manchmal eben nicht.
Checkpoint 3 ist geschafft!
Jetzt sind es noch rund 1.400 Kilometer bis ins Ziel nach Kalamata. Ich habe die restliche Strecke in zwei Segmente von jeweils etwa 700 Kilometern aufgeteilt. Wenn alles gut läuft, sollten das noch etwa fünf Fahrtage sein – den heutigen 11. Fahrtag nicht mitgerechnet. Damit würde ich voraussichtlich nach 16 oder 17 Fahrtagen ankommen und hätte immer noch etwa zwei bis zweieinhalb Tage Puffer.
Bei der extremen Hitze ist aber keineswegs gesagt, dass ich jeden Tag 300 Kilometer schaffe. Vor allem das Finale in Albanien und Griechenland wird noch einmal richtig hügelig und extrem fordernd. Das Rennen ist noch lange nicht entschieden, aber ich habe jetzt einen glasklaren Plan und eine Route, bei der ich sicher bin, dass sie funktioniert. Das gibt mir innerlich enorm viel Ruhe.
Ein paar Fakten zur Bobbahn in Sarajevo
Die Bobbahn auf dem Trebević wurde von 1981 bis 1982 extra für die Olympischen Winterspiele 1984 erbaut. Jugoslawien hatte vorher gar keine eigene Bobbahn – sie entstand ausschließlich für Olympia und gehörte damals zu den modernsten Anlagen der Welt. DDR-Sportler dominierten damals das Geschehen: Wolfgang Hoppe und Dietmar Schauerhammer holten Gold im Zweierbob, im Viererbob siegte Hoppe zusammen mit Schauerhammer, Andreas Kirchner und Matthias Trübner.
Mit dem Bosnienkrieg änderte sich alles. Während der Belagerung von Sarajevo verlief die Front direkt über den Trebević. Die bosnisch-serbischen Truppen nutzten die Röhre als militärische Stellung für Scharfschützen und Artillerie. Die Einschusslöcher, die man heute sieht, sind also kein Vandalismus, sondern direkte Kriegsspuren. Nach dem Krieg wurde das Areal entmint, die Bahn selbst aber nie wieder aufgebaut. Heute ist sie ein weltweit bekannter Lost Place: Mountainbiker ballern durch die Steilkurven, alles ist voller Graffiti und der Kontrast zwischen Olympia-Geschichte und Frontlinie macht diesen Ort extrem eindrucksvoll.
Hunde und Routenplanung: Ein Ausflug für Tech-Nerds
Auch heute hat mich wieder ein Rudel Hunde verfolgt – diesmal konnte ich die Situation aber mit Ruhe, Gelassenheit und beherztem Gegengebell souverän unter Kontrolle bringen.
Jetzt wird es allerdings wieder etwas nerdiger für alle, die sich für meine Routenplanung interessieren:
Wie erstelle ich eigentlich meine Strecken? Ich behaupte mal, dass meine Routen meistens extrem effizient sind. Das liegt vor allem daran, dass ich mir über die Jahre eigene Skripte und Werkzeuge geschrieben habe. Dadurch kann ich sehr schnell verschiedene Varianten berechnen und vergleichen. Im Vergleich zu Fahrern, die 100 Stunden oder mehr manuell tüfteln, investiere ich wahrscheinlich deutlich weniger Zeit direkt vor der Karte.
Grundsätzlich gilt: In Osteuropa lässt die Qualität der Kartendaten etwas nach. Auf Asphalt ist das kein Thema, aber auf Gravel-Passagen oder Nebenstraßen erlebt man schon mal Überraschungen bei der Belagsbeschaffenheit. Die Punktgenauigkeit der Straßen stimmt aber.
Einer, der das Planen meisterhaft beherrscht, ist Robin Gemperle. Bei ihm greift einfach alles ineinander: physische und mentale Stärke, feingetuntes Material und eine überragende Routenplanung. Vermutlich nutzt er zusätzlich Heatmaps, um zu sehen, welche Wege in der Praxis tatsächlich gut befahrbar sind.
Während meiner 45-minütigen Powernap-Pause von 14 bis 15 Uhr habe ich meine lokale KI OpenClaw angeworfen. Da Robin Gemperle bereits im Ziel ist, habe ich per Web-Scraping seine 277 öffentlich zugänglichen Streckenpunkte aus Follow My Challenge ausgelesen, über mein BikeRouter-Profil verbunden und seine exakte Route mit meiner verglichen.
Das Ergebnis war überraschend:
Auf den verbleibenden 1.400 Kilometern gab es im Grunde nur zwei größere Abweichungen:
Eine See-Umrundung (ich rechts, er links).
Ein Abschnitt in Albanien: Meine Route führte durch ein Tal, während Robin oben auf dem Kamm bleibt.
Seine Variante hat zwar knapp 4.000 Höhenmeter mehr als meine ursprüngliche Planung, aber da bei meiner Tal-Variante die Straße laut Karte irgendwann einfach aufhörte, war mir das Risiko einer Sackgasse schlicht zu hoch. Ich habe mich deshalb entschieden, die verbleibenden 106 Kilometer Abweichung komplett auf Robins geprüfte Route umzustellen. Er ist sie gefahren, sie funktioniert – das gibt mir absolute Sicherheit.
Transparenz-Note: Das ist kein Cheaten. Es basiert rein auf öffentlich einsehbaren Daten und eigenen Skripten, die ich lange vor dem Rennen geschrieben habe. Das System funktioniert mittlerweile nahezu perfekt und spart im Renngeschehen extrem viel Zeit.
Tagesfazit
Der Tag war mit den vielen Höhenmetern aus Sarajevo heraus extrem körnerzehrend. Deshalb habe ich entschieden: Sobald ich im nächsten Ort ein Hotel finde, mache ich Schluss – auch wenn am Ende „nur“ rund 220 Kilometer auf dem Tacho stehen.
Der Plan für morgen ist umso spektakulärer: Aus Bosnien und Herzegowina nach Serbien, von Serbien nach Montenegro und schließlich weiter nach Albanien – und das alles innerhalb von nur etwa 250 Kilometern! Die Grenzübergänge werden Zeit kosten, aber das Höhenprofil sieht nach dem heutigen Tag wieder etwas entspannter aus.
Zum Abschluss gab es heute noch eine traumhafte Asphaltabfahrt in den Abend hinein. Jetzt sind die Klamotten gewaschen, der Kopf ist ruhig und morgen früh um 4:00 Uhr geht es wieder auf die Piste.
Die Aktivität auf Strava
- Distanz: 219,95 Kilometer
- Höhenmeter: 3.766 Meter
- Bewegungszeit: 11:57:47 Stunden
- Gesamtzeit: 16:31:08 Stunden
- Gewichtete Leistung: 181 Watt
- Start: 31.07.2026, 06:40 Uhr
- Gesamtstrecke im Rennen bis hierhin: 3.544,91 Kilometer
Strecke auf der Karte
Strecke wird geladen …
Aktivität auf Strava öffnen