Falk Döring Randonneur Journal
← Zurück zum Blog

Blog

TCRNO12 – Tag 15: Kosovo, alte Erinnerungen und zurück nach Albanien

2. August 2026

Ich liebe den Kosovo

Mirëmëngjes të gjithëve!

Ich liebe den Kosovo.

Gestern bin ich von Montenegro aus in den Kosovo hineingefahren – und allein diese Abfahrt war der absolute Wahnsinn. Wer ein Motorrad hat oder einmal in der Gegend unterwegs ist: Fahrt diese Strecke. Der Blick hinunter in den Kosovo, diese endlosen Serpentinen – einfach grandios.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nach rund 240 Kilometern Schluss zu machen. Aber dann lief es gerade ganz gut und ich dachte mir: Ach komm, fahr einfach weiter und schau, wie weit du noch kommst. Es wurde zwar langsam dunkel. Und der Kosovo hat nun einmal nicht unbedingt den Ruf, nachts besonders sicher zu sein, was den Straßenverkehr betrifft. Aber ganz ehrlich: Überall winken einem die Leute zu. Alle sind freundlich.

Vielleicht ist das auch ein guter Moment, um zu erzählen, warum ich unbedingt einmal durch den Kosovo fahren wollte und warum ich ihn bewusst in meine Route eingebaut habe. Wir hatten sechs oder sieben Jahre lang Kosovo-Albaner als Nachbarn und haben uns mit ihnen immer sehr gut verstanden. Sie waren herzlich, direkt und überhaupt nicht verstellt. Und wir haben uns eben auch aufeinander eingelassen. Das gehört ja immer dazu.

Über die Jahre ist daraus einfach eine gute Nachbarschaft und später auch eine Freundschaft entstanden. Wir haben ihre Kinder aufwachsen sehen, sie haben uns unter anderem beim Hausbau geholfen und man hat sich gegenseitig unterstützt. So etwas prägt natürlich. Mit Ali – eigentlich heißt er Arlind – habe ich bis heute Kontakt.

Das Erste, was ich gestern an der Grenze zwischen Montenegro und dem Kosovo gemacht habe, war deshalb, Ali anzurufen. Ich habe gesagt: „Ali, ich fahre gerade in den Kosovo.“ Er hat sich riesig gefreut und meinte nur: „Wenn du irgendein Problem hast, ruf mich an. Dann hast du keins mehr.“ Da musste ich lachen. Ich war allerdings gerade mitten in der Abfahrt und habe gesagt: „Ich melde mich später noch einmal. Jetzt muss ich erst einmal weiterfahren.“

Genau diese Herzlichkeit habe ich in den wenigen Stunden bis zu meinem Hotel überall erlebt. Die Straßen hier sind übrigens sensationell. Schon in Serbien und Montenegro fand ich die Straßen wirklich gut. Aber der Kosovo setzt da für mich tatsächlich noch einmal einen drauf. Vom Grenzübergang bis nach Gjakova bin ich praktisch durchgehend auf bestem Asphalt gefahren.

An einer Tankstelle habe ich einen Schweizer getroffen. Der sagte zu mir: „Wenn du im Kosovo einmal ein Problem hast, geh einfach in irgendein Haus und klopf an. Du bekommst ein Bett und etwas zu essen. Du musst hier wirklich keine Angst haben.“ Und ehrlich gesagt passt das genau zu meinen bisherigen Erfahrungen. Die Geschichte mit der Pizza gestern war ja genauso unkompliziert.

Am Ende bin ich einfach in die Stadt gerollt, habe das Hotel gesehen, bin hineingegangen und hatte innerhalb weniger Minuten mein Zimmer. Und auch dort sprach praktisch jeder Deutsch. Unterwegs habe ich mich an roten Ampeln sogar noch mit ein paar Leuten aus den Autos unterhalten. Einfach schön.

Das Imperfekte

Was den Kosovo für mich ausmacht, ist dieses Imperfekte. Hier funktioniert irgendwie alles – aber eben auf seine eigene Art.

Ich komme ins Hotelzimmer und sehe erst einmal eine Kakerlake über den Boden laufen. Ganz ehrlich: Das hält mich jetzt nicht davon ab, dort zu schlafen. Das gibt es auch anderswo. Wenn man sich das Gebäude anschaut, merkt man aber schnell: Hier ist nichts wirklich gerade. Ich hatte ständig das Gefühl, entweder bergauf oder bergab durch das Hotel zu laufen. Hier fehlt eine Armatur, dort ist eine Ecke abgeplatzt, irgendwo schaut etwas aus der Wand heraus, die Wände sind krumm und schief. Aber das Zimmer hat genau 40 Euro gekostet und war dafür völlig in Ordnung.

Der Kosovo wirkt eben nicht wie aus einem Guss. Wenn man an manche Orte in Deutschland denkt, wo es Farbkonzepte für Häuser oder strenge Bauvorschriften gibt, dann ist das hier das komplette Gegenteil. Hier baut offenbar jeder so, wie er möchte. Und gleichzeitig stehen dort plötzlich riesige Villen, bei denen man sich fragt: Wo kommt das eigentlich alles her?

Ich glaube, die Antwort kennen viele: Viele Kosovo-Albaner arbeiten seit Jahrzehnten in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern unglaublich hart. Oft leben sie dort mit mehreren Personen auf engem Raum, um möglichst viel Geld nach Hause schicken zu können. Die Familien sind extrem eng miteinander verbunden. Ein großer Teil des verdienten Geldes fließt zurück in den Kosovo. Erst mit der Zeit habe ich verstanden, wie stark diese Familienstrukturen sind und warum viele Entscheidungen genau daraus heraus entstehen.

Geschichte und Gegenwart

Auch geschichtlich ist die Region unglaublich spannend. Für viele Serben gilt das Kosovo als Wiege ihrer nationalen und religiösen Identität. Gleichzeitig stellten die Kosovo-Albaner Ende des 20. Jahrhunderts bereits die Bevölkerungsmehrheit.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens eskalierte der Konflikt. Auf der einen Seite kämpfte die UÇK für die Unabhängigkeit des Kosovo, auf der anderen Seite gingen serbische Sicherheitskräfte massiv gegen die albanische Bevölkerung vor. Es kam zu Vertreibungen, schweren Menschenrechtsverletzungen und einer humanitären Krise.

1999 griff die NATO ohne ausdrückliches Mandat des UN-Sicherheitsrats militärisch ein. Ein Mandat wäre damals aufgrund eines sehr wahrscheinlichen russischen Vetos im Sicherheitsrat kaum zustande gekommen, da Russland traditionell eng an der Seite Serbiens stand. Bis heute wird dieser Einsatz völkerrechtlich kontrovers diskutiert.

Russland verweist regelmäßig auf genau diesen Einsatz, wenn es der NATO vorwirft, ihr Verteidigungsmandat überschritten zu haben, und nutzt den Kosovo bis heute als Argumentationsmuster zur Rechtfertigung eigener militärischer Schritte – unter anderem im Zusammenhang mit der Ukraine.

Ich finde, genau an solchen Orten merkt man, wie eng Geschichte und aktuelle Politik miteinander verknüpft sind und wie lange historische Entscheidungen nachwirken.

Für mich bleibt vor allem eines hängen: Ich habe hier unglaublich herzliche Menschen erlebt, hervorragende Straßen und eine Gastfreundschaft, die mich wirklich beeindruckt. Und ja – erstaunlich viele neue Mercedes und BMW sieht man hier übrigens auch.

So, ihr merkt schon: Ich habe gerade Zeit zum Erzählen. Ich fahre nämlich mal wieder einen Berg hoch. Es tut zwar alles weh – aber es geht weiter.

Ju uroj një ditë të mbarë!

Der letzte Parcours

Ich weiß nicht, ob es ein perfekteres Timing geben kann oder wie mir das gerade hier zugetragen wird. Aber ich fahre gerade den letzten Parcours und bekomme eine Nachricht von Gundermann.

Ich habe auf allen Parcours Gundermann gehört, und jetzt kommt Gundermann quasi per WhatsApp reingeflogen. Thomas, vielen Dank. Wahnsinn. Läuft, würde ich sagen. Danke dafür. Den schaffe ich auch noch.

Kleines Update aus Nordmazedonien

Kleines Update aus Nordmazedonien. Drückt mir bitte die Daumen.

Das letzte Mal, als ich hier war, bin ich in Nordmazedonien ziemlich elend gestrandet. Damals im Mavrovo-Nationalpark – zwischen Müll, Schafen und einem ziemlich dreckigen Bach. Auf der einen Talseite lebten überwiegend Muslime, auf der anderen orthodoxe Christen. Trotzdem waren die Menschen unglaublich hilfsbereit. Sie haben mich aufgenommen und im Grunde einen ganzen Tag lang mit Essen und allem versorgt, bevor ich am nächsten Tag weiter nach Skopje gefahren bin. Es folgten 120 Kilometer bei fast 40 Grad – und gefühlt ohne jeden Schatten. Das waren wahrscheinlich die schlimmsten 120 Kilometer meines bisherigen Radlebens.

Wenn ich heute darüber spreche, merke ich immer noch, wie emotional mich diese Erinnerung macht. Nicht nur wegen dieser letzten Etappe, sondern weil ich mich vorher über viele Tage gequält hatte, eine unglaublich intensive und schöne Reise erlebt habe – und sie dann so zu Ende ging.

Diesmal sind die Voraussetzungen aber ganz andere. Ich bin deutlich entspannter unterwegs, die Kraft ist noch da und ich fühle mich gut.

Jetzt kommt gleich Debar. Ich habe bereits alles eingekauft, was ich brauche. Das heißt, ich werde einfach durch die Stadt rollen und versuchen, möglichst gut durch die Hitze zu kommen. Die Abendstunden nehme ich dann noch mit und schaue einfach, wie weit ich heute noch komme.

Das Höhenprofil sieht jetzt auch nicht mehr ganz so wellig aus wie in den letzten Tagen. Ich denke, dass ich es heute noch bis zur albanischen Grenze schaffe – vielleicht sogar noch ein Stück nach Albanien hinein. Den Checkpoint werde ich heute wahrscheinlich noch nicht erreichen. Ich gehe im Moment davon aus, dass ich mir nach der Grenze in Albanien wieder ein Hotel nehme – so, wie ich es im Video schon angekündigt habe.

Mal sehen.

Back to Albania 🇦🇱

Die Aktivität auf Strava

TCR Tag 15 auf Strava ansehen

  • Distanz: 248,52 Kilometer
  • Höhenmeter: 4.115 Meter
  • Bewegungszeit: 13:00:27 Stunden
  • Gesamtzeit: 16:32:30 Stunden
  • Gewichtete Leistung: 178 Watt
  • Start: 02.08.2026, 05:12 Uhr
  • Gesamtstrecke im Rennen bis hierhin: 4.085,35 Kilometer

Strecke auf der Karte

Strecke wird geladen …

Aktivität auf Strava öffnen