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TCRNO12 – Tag 4: Rallarvegen, E7 und 844 Kilometer bis zur Fähre
Am Vorabend hatte ich am Checkpoint 1 entschieden, nicht mehr in den nächsten Parcours hineinzufahren. Dort lagen bereits überall Randonneure und schliefen. Noch weiterzufahren hätte keinen Sinn mehr ergeben. Im Nachhinein war das genau die richtige Entscheidung: Ich lag noch vor Mitternacht in meinem Bivy. Um fünf Uhr stand ich auf und war um 5:14 Uhr wieder unterwegs. Am frühen Morgen traf ich Jens noch und überholte ihn. Danach ging es direkt in den neuen Rennabschnitt.
Heute Morgen stand zunächst der Rallarvegen auf dem Programm. Die ersten Kilometer führten noch über Asphalt durch eine unglaublich schöne Schlucht. Unten rauschte ein riesiger Gebirgsbach. Ich wusste gar nicht, ob man das schon als Klamm bezeichnet, aber genau so fühlte es sich an.
Trotz der schönen Landschaft waren meine Gedanken immer wieder bei Georg. Georg, Startnummer 136, hatte einen Unfall. Ihm wurde wahrscheinlich die Vorfahrt genommen und er ist in ein Auto geknallt. Dabei erlitt er eine Schnittverletzung und einen offenen Bruch am Finger. Wenn man die Bilder seines Fahrrads sieht und seine Beschreibung liest, bekommt man erst ein Gefühl dafür, welche Kräfte bei so einem Unfall gewirkt haben müssen. Ein Carbonrahmen geht nicht einfach so kaputt. Wenn es tatsächlich bei den Verletzungen durch die Scheibe und dem offenen Bruch bleibt, dann ist das bei einem solchen Unfall fast schon Glück im Unglück. Das hätte ganz anders ausgehen können.
Deshalb gilt für mich ganz klar: Scheiß auf das Transcontinental Race. Wichtig ist, dass Georg wieder gesund wird. Ich hoffe wirklich, dass wir irgendwann einmal gemeinsam eine Runde Rennrad fahren können. Natürlich musste ich diese Gedanken auch wieder ein Stück weit zur Seite schieben. Jeder, der hier fährt, weiß, dass Radfahren Risiken mit sich bringt. Wir fahren auf unbekannten Straßen, haben schnelle Abfahrten und treffen jeden Tag unzählige Entscheidungen. Mit Angst fährt es sich einfach schlechter.
Was ich allerdings überhaupt nicht nachvollziehen kann, sind unnötige Gefahren. Am Vortag hatte mich wieder ein Lkw beim Überholen mit seiner Scheibenwaschanlage eingesprüht. Das passiert mir nicht zum ersten Mal – weder hier noch in Deutschland. Das Zeug brennt in den Augen und gefährdet Menschen völlig unnötig.
Der Rallarvegen selbst war ungefähr 80 Kilometer lang. Ich wollte ihn relativ zügig hinter mich bringen. Also einen großen Red Bull reingezogen, ordentlich Zucker nachgelegt und dann einfach gefahren. Oben angekommen, schaute ich ehrlich gesagt gar nicht mehr groß nach links oder rechts. Ich fuhr einfach weiter und kümmerte mich direkt um das nächste wichtige Thema: die Fähre.
Die ist inzwischen gebucht. Ich werde von Nynäshamn bei Stockholm nach Danzig übersetzen. Die Abfahrt ist am 24. Juli um 18 Uhr, die Ankunft am 25. Juli gegen Mittag.
Seit dem Ende des Rallarvegen fahre ich im Grunde wieder auf der gottverdammten Sieben. Und diese Straße ist wirklich nicht einfach. Seit Stunden reiht sich Lkw an Lkw, dazwischen Autokolonnen. Irgendwann zermürbt einem das einfach das Gehirn. Ich bin solche Straßen gewohnt und schon deutlich schlimmere Sachen gefahren, zum Beispiel in China, Russland oder der Ukraine. Immerhin hupen die Menschen hier nicht ständig wie in China. Trotzdem ist es anstrengend, nervt und macht keinen Spaß. Schönes Radfahren ist definitiv etwas anderes.
Nach dem Rallarvegen waren es laut meinem Track noch ungefähr 844 Kilometer bis Nynäshamn. Der Plan sah vor, heute nach dem Parcours noch ungefähr 300 Kilometer zu schaffen. Am nächsten Tag wollte ich möglichst noch einmal ungefähr 380 Kilometer fahren. Dann würden für Freitag nur noch rund 84 Kilometer bis zur Fähre bleiben. Ob das realistisch war, wusste ich natürlich nicht. Das war erst einmal die Ansage. Danach musste ich sehen, was Straße, Beine und Schlaf daraus machten.
Auch die Rechnung nach der Fähre musste ich noch einmal neu aufstellen: Wenn die Fähre am 25. Juli gegen 12 Uhr in Danzig ankommt und der zweite Checkpoint in Jasná am 30. Juli um 11 Uhr schließt, bleiben knapp fünf Tage. Von Danzig bis zum zweiten Checkpoint sind es auf meiner Route inklusive beider Parcours ungefähr 963 Kilometer. Um innerhalb dieses Zeitfensters dort anzukommen, müsste ich durchschnittlich etwa 194 Kilometer pro Tag schaffen. Natürlich ist das nur die reine Mathematik. In den 963 Kilometern stecken beide Parcours, mehr als 6.000 Höhenmeter, Schlaf, Essen, Einkaufen und alles, was unterwegs noch passieren kann. Aber die Rechnung zeigt zumindest, dass es grundsätzlich machbar ist, wenn ich die Fähre wie geplant erreiche. Genau darauf liegt jetzt der Fokus: Erst einmal die 844 Kilometer bis Nynäshamn sauber abarbeiten, die Fähre erreichen und dann von Danzig aus weiterrechnen.
Zwischendurch gab es noch zwei besondere Begegnungen mit der norwegischen Landschaft: Am Abend sah ich einen Elch, später noch einmal einen weiteren. Viel mehr Norwegen ging kaum.
Am Abend hatte ich mich und meine Hose gewaschen, somit kann ich jetzt überall schlafen. Ich schaue einfach, wie weit die Beine mich heute Nacht noch tragen.
Die Aktivität auf Strava
- Distanz: 332,13 Kilometer
- Höhenmeter: 4.366 Meter
- Bewegungszeit: 16:26:30 Stunden
- Gesamtzeit: 19:18:20 Stunden
- Gewichtete Leistung: 154 Watt
- Gesamtstrecke im Rennen bis hierhin: 1.063,12 Kilometer
- Start: 22.07.2026, 05:14 Uhr (Europe/Oslo)
Rückblickend haben sich die Themen der ersten Tage weiter fortgesetzt. Am Anfang musste ich lernen, Müdigkeit und Kälte ernst zu nehmen. Danach ging es darum, mit Schlaf, Essen und Powernaps wieder einen funktionierenden Rhythmus zu finden. Jetzt kamen zusätzlich die großen strategischen Fragen dazu: Welche Route ist sinnvoll? Wie viel Höhenmeter spare ich durch einen Umweg? Wann muss ich die Fähre buchen? Und wie viel Zeit bleibt danach bis zum nächsten Checkpoint?
Der Tag endete mit einer klaren Rechnung, einer gebuchten Fähre und dem Gefühl, dass die nächsten Kilometer zwar hart, aber grundsätzlich machbar waren.
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