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TCRNO12 – Tag 5: Zentralschweden, Gravel und das Rennen gegen die Fähre

23. Juli 2026 · Transcontinental Race · TCR · TCRNo12 · UltraCycling

Nach der langen Gravel-Belastung vom Vortag merkte ich die Strecke noch deutlich in den Muskeln. Besonders Rücken und Nacken waren betroffen. Die vielen Schläge auf dem Rallarvegen erinnerten mich an die Strada dell’Assietta und an die Strade Bianche bei Siena. Wenn der Kopf dabei ständig nach oben gehalten werden muss, ermüdet die Nackenmuskulatur irgendwann.

Das Stichwort dazu lautet Shermer’s Neck. Das ist im Ultra-Radsport tatsächlich eine der Sachen, vor denen ich den größten Respekt habe. Dabei ermüdet die Nackenmuskulatur so stark, dass man den Kopf irgendwann kaum noch halten kann. Für ein Ultrarennen wäre das natürlich eine Katastrophe. Deshalb habe ich bewusst gegengesteuert: Ich bin immer wieder in die sogenannte König-Ludwig-von-Bayern-Position gegangen. Ich throne dann praktisch auf dem Rad. Dabei greife ich auf meinen Aero-Aufliegern nicht vorne an den Lenker, sondern halte mich direkt an den Auflagen fest. Dort sind extra kleine Mulden vorgesehen. Dadurch wird der Oberkörper deutlich aufrechter und die Schultern sowie der Nacken werden spürbar entlastet. Das mache ich immer dann, wenn Aerodynamik ohnehin keine große Rolle spielt, beispielsweise bergauf oder bei geringeren Geschwindigkeiten. Im Moment funktioniert das wieder richtig gut. Trotzdem muss ich da die nächsten Tage weiter aufmerksam bleiben.

Trotz der Anstrengung kosteten die Nächte inzwischen deutlich mehr Kraft. Gegen halb drei wachte ich auf. In der Nacht hatte es Minusgrade und mir war richtig kalt. Ich zog alle verfügbaren Kleidungsstücke an, kroch wieder in den Schlafsack und wurde sofort warm. Eigentlich wollte ich ungefähr fünf Stunden schlafen, aber man nimmt es, wie es kommt.

Am Morgen gab es drei Brötchen und ein Red Bull. Kurz danach begegnete ich einem Mann mit seinem Hund. Ich sagte: „It’s so beautiful here!“ Er antwortete nur: „Yeah, man!“ Mehr brauchte es eigentlich nicht. Wir standen gemeinsam in diesem Licht, mit Tau und Sonnenaufgang, und teilten für einen Moment dieselbe Begeisterung für die Landschaft.

Gleichzeitig wurde die Strecke immer schwieriger. Es gab unglaublich viel Gravel, und angenehm war das wirklich nicht. Die Straßen wurden zwar flacher, aber ich musste weiter nach Osten. Die guten Asphaltstraßen verliefen überwiegend von Norden nach Süden, während mich die Richtung zur Fähre immer wieder auf Schotter führte. Bei Kilometer 284 lagen vermutlich noch einmal 30 bis 40 Kilometer Schotter vor mir. Auf dem Gravel konnte ich ohnehin nicht viel machen – mein Nacken war von den Schlägen noch leicht angegriffen. Ich hörte weiter mein Hörbuch, konzentrierte mich auf die Strecke und fuhr einfach weiter.

Unterwegs wurde dann das Wasser knapp. Ich hatte noch eine zweite Portion Pad Thai dabei, die ich vom Mittagessen aufgehoben hatte, aber nur noch ungefähr eineinhalb Liter Trinkwasser. In Zentralschweden gab es zwar überall Wälder und Seen, aber kaum Infrastruktur. Ich hatte gehofft, unterwegs etwas zu finden, aber da war nichts: keine Wasserstelle, kein Friedhof, gar nichts.

Da musste ich an meinen schwedischen Freund Benjamin denken. Mit ihm bin ich 2024 die ersten rund 1.000 Kilometer des schwedischen Zeitfahrens Sverigetempot gefahren. Dabei hatte er mir erzählt, dass man in Schweden und Norwegen viele öffentliche Wasserstellen mit einem kleinen Vierkant-Schlüssel öffnen kann, weil dort oft dasselbe System verwendet wird. Vor dem Rennen hatte ich mir deshalb für ein paar Euro gleich zwei solcher Schlüssel gekauft – einen für mich und einen für meinen Bruder, der in diesem Jahr ebenfalls durch Schweden fuhr.

An diesem Tag zahlte sich der Tipp zum ersten Mal richtig aus: Ich kam an einer alten Schmiede vorbei, die heute offenbar als kleines Freilichtmuseum genutzt wird, und entdeckte dort einen Wasserhahn. Vierkant-Schlüssel rein – passt! Ich konnte mehrere Liter Trinkwasser auffüllen, drehte den Hahn wieder zu und fuhr beruhigt weiter. Da war ich wirklich froh, dass ich auf Benjamin gehört hatte.

Später musste ich entscheiden, ob ich noch weiterfuhr oder schlafen ging. Eigentlich wollte ich bereits vor dem letzten Gravelstück Schluss machen. Auf der Karte entdeckte ich dann aber noch einen Campingplatz. Zehn Kilometer, dachte ich, die schaffst du jetzt auch noch. Als ich dort ankam, war allerdings alles geschlossen. Die Sanitäranlagen waren nur mit Schlüssel zugänglich, die Rezeption war unbesetzt – im Prinzip war alles dicht. Ein paar Camper waren noch wach und wahrscheinlich hätte ich jemanden nach einem Schlüssel fragen können, aber ehrlich gesagt hatte ich dafür keine Kraft mehr. Also suchte ich mir wieder einen ruhigen Platz und schlief dort.

Vielen Dank übrigens noch an Ringo, Stefan und Jan! Wir haben gestern Abend noch telefoniert. Falls ich jemanden vergessen habe, seht es mir bitte nach – irgendwann verschwimmt das alles ein bisschen. Es hat auf jeden Fall gutgetan, einfach ein wenig Ablenkung zu haben und dabei den einen oder anderen Hügel noch hochzukurbeln.

Noch 207 Kilometer bis zur Fähre.

Die Aktivität auf Strava

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  • Distanz: 359,87 Kilometer
  • Höhenmeter: 3.201 Meter
  • Bewegungszeit: 15:51:51 Stunden
  • Gesamtzeit: 18:23:27 Stunden
  • Gewichtete Leistung: 148 Watt
  • Gesamtstrecke im Rennen bis hierhin: 1.422,99 Kilometer
  • Start: 23.07.2026, 06:14 Uhr (Europe/Oslo)

Die Strecke führte durch Zentralschweden weiter Richtung Osten und zur Fähre. Viel Gravel, lange Waldabschnitte, knappe Wasservorräte und der Zeitdruck durch die Fähre prägten diesen Fahrtag.

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