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TCRNO12 – Tag 6: 208 Kilometer bis Nynäshamn
Nach der kurzen Nacht auf dem Campingplatz ging es früh weiter. Am Abend zuvor hatte ich tatsächlich noch einen Campingplatz gefunden – wirklich viel davon hatte ich allerdings nicht. Ich war erst nach 22 Uhr angekommen und vor sieben Uhr schon wieder unterwegs. Die Facilities waren verschlossen und man brauchte einen Schlüssel, den man natürlich nur bekommt, wenn man dort angemeldet ist. Das konnte ich nicht mehr machen, weil bei meiner Ankunft schlicht niemand mehr da war. Es waren zwar noch Menschen auf dem Campingplatz, die ich hätte fragen können, aber dafür war ich einfach viel zu müde.
Heute Morgen stand als verbleibende Kilometeranzahl 207 auf dem Tacho. Das war jetzt nicht übermäßig komfortabel bis 16 Uhr, aber doch machbar. Die Hügel wurden flacher, der Gravel besser und so konnte ich den Tag weitestgehend genießen – Druck auf dem Pedal hatte ich natürlich trotzdem die ganze Zeit. Insgesamt war der Tag deutlich flacher als die Tage zuvor, dafür wurde der Wind zunehmend zum Thema. Teilweise hatte ich schon recht starken Gegenwind und hinten raus Richtung Nynäshamn kam er dann irgendwann ziemlich direkt von vorne.
Ich bin nicht von COROS gesponsert, aber ich muss ja echt mal eine Lanze brechen: Das Ding hat 120 Stunden Akkulaufzeit, ich habe es bis dahin erst einmal geladen, die Integration mit dem Handy funktionierte tadellos, die Navigation war in Ordnung und ich hatte bisher überhaupt keine Probleme damit. Wenn jemand ein Fahrrad-Navi sucht: Der COROS Dura ist phänomenal gut – und jeder Hügel wird, bei mir zumindest, angezeigt!
Je näher ich Stockholm kam, desto mehr änderte sich die Umgebung. Gerade in der urbanen Peripherie wurde es dann doch sehr städtisch. Unterwegs gab es auch eine große Baustelle, bei der ich ein bisschen schauen musste, wie ich überhaupt weiterkomme. Nach den letzten Tagen in Schweden war das schon ein ziemlicher Kontrast: Plötzlich war da Verkehr, Menschen, Bebauung. Teilweise hatte das fast Ausmaße wie in einer deutschen Großstadt. Das zog sich letztendlich auch noch ziemlich lange in Richtung Nynäshamn. Zwischendurch wurde es dann aber wieder schwedischer mit Golfplätzen, kleinen Häfen und Orten, an denen die Schweden vermutlich ihren Sommer verbringen. Vor Nynäshamn wurde der Gegenwind dann noch einmal unangenehm und blies ziemlich direkt von vorne.
Vor der Fähre musste ich allerdings noch etwas anderes erledigen: Ich musste dringend in eine Apotheke. Ich hatte mir unterwegs eine kleine entzündete Stelle eingefangen, um die ich mich kümmern musste. Ich hatte mich vorher ein bisschen eingelesen, was ich dafür brauchen könnte, und mir daraus eine kleine Einkaufsliste für die schwedische Apothekerin gebaut: Sorbact Secure Wundpflaster für offene Stellen, Leukotape zum Fixieren, Abilar 10 % Resinsalbe zur Wundheilung (nicht unter das Sorbact-Pflaster), Zinksalbe und sterile Reinigungstücher ohne Desinfektionsmittel. Die Apothekerin stand mir dann auch tatkräftig zur Seite und half mir dabei, alles zusammenzusuchen, damit ich da hoffentlich einigermaßen heil wieder rauskomme. Diese Sachen werden nun dauerhaft in die Radtasche einziehen – das ist echt eine Super-Kombination, auch wenn es mal ganz wund wird.
Irgendwann gegen 14 Uhr war ich dann in Nynäshamn. Damit hatte ich tatsächlich noch Zeit! Bis ungefähr 15:30 Uhr war ich dort unterwegs, habe eingekauft, mich und das Rad wieder einigermaßen fit gemacht und alles für die Fähre vorbereitet. Dann ging es zum Hafen. Ich kam durch die Schleusen, konnte einchecken und wartete aufs Boarding. Vollkommen irre nach den letzten Tagen: Am Terminal sitzen und aufs Boarding warten – nicht gehetzt. Ich bin happy. 😄
Auf der Fähre habe ich Moritz und Elias kennengelernt. Die beiden waren ebenfalls mit dem Rad in Schweden unterwegs und wir haben uns eine ganze Weile unterhalten. Natürlich ging es um Material, Bikepacking und irgendwann auch ums Transcontinental Race. Die Überfahrt dauerte insgesamt 18 Stunden.
Warum eigentlich diese Fähre?
Die Route über Nynäshamn und Danzig war von Anfang an ganz bewusst so geplant. Ich wollte möglichst lange durch Schweden fahren, eine eigene, landschaftlich schöne Linie finden und eben nicht einfach dieselbe Route nehmen wie fast alle anderen. Interessanterweise war meine Variante trotz der langen Fahrt durch Schweden am Ende sogar ungefähr 50 bis 100 Kilometer kürzer als die klassische südliche Route.
Dafür gab es natürlich einen ziemlich großen Tausch: weniger Kilometer auf dem Rad, dafür rund 18 Stunden auf dem Schiff.
Während des Rennens bekam die Sache dann allerdings plötzlich eine ganz andere Dynamik. Von außen wurde ich darauf hingewiesen, dass meine Route diskutiert wurde. Michael schrieb mir am 25. Juli, dass sie im Rennrad-News-Forum aufgegriffen worden war und dort sogar jemand behauptete, die Verbindung nach Danzig sei nicht regelkonform beziehungsweise „illegal“.
Das hat mich ehrlich gesagt ziemlich überrascht.
Natürlich hatte ich mich bei der Planung genau mit dieser Frage beschäftigt. Die Fähre war ja kein spontaner Einfall, sondern ein zentraler Bestandteil meiner gesamten Route. Nach meinem Verständnis der Regeln war die Verbindung erlaubt: Die von Lost Dot eingezeichnete Linie trennte Nordsee und Ostsee voneinander.

Die eingezeichnete Grenzlinie zwischen Nordsee und Ostsee mit den markierten Endpunkten. Fähren innerhalb der Ostsee waren erlaubt. Nynäshamn nach Danzig lag damit innerhalb dieser Regelung.
Trotzdem ist es während eines solchen Rennens natürlich kein besonders angenehmes Gefühl, irgendwo auf dem Fahrrad zu sitzen und von außen die Nachricht zu bekommen, dass Leute darüber diskutieren, ob die eigene Route überhaupt legal ist. Ich war mir meiner Sache ziemlich sicher – aber wenn man tagelang wenig schläft und gleichzeitig versucht, wirklich keinen Regelverstoß zu produzieren, beschäftigt einen so etwas natürlich trotzdem.
Offenbar war ich aber nicht der Einzige, dem meine Route aufgefallen war.
Auch Christoph Strasser und Florian Kraschitzer haben sie im Sitzfleisch-Podcast bemerkt. In Folge #304 – Christoph Strasser beim Transcontinental Race 2026, Teil 1 sprechen die beiden über die verschiedenen Möglichkeiten, von Schweden wieder aufs europäische Festland zu kommen. Fast das gesamte Feld war deutlich weiter südlich unterwegs. Und dann fiel sinngemäß der Hinweis auf diesen einen Fahrer, der bis in den Raum Stockholm gefahren war und von dort die lange Fähre nach Danzig genommen hatte.
Das war ich.
Ab ungefähr 1:03:00 wird im ersten TCR-Podcast über genau diese ungewöhnliche Route gesprochen. Dort wurde erwähnt, dass ein Fahrer bis in den Raum Stockholm gefahren war und von dort die Fähre nach Danzig genommen hatte. Spätestens an dieser Stelle war klar: Gemeint war meine Route.

Reaktionen, Kommentare und Dotwatching zu meiner Route über Nynäshamn und Gdańsk.
Ich fand das ehrlich gesagt ziemlich cool. Ich hatte bei der Planung bewusst versucht, meine eigene Route zu bauen – und offenbar war sie tatsächlich ungewöhnlich genug, dass sie beim Dotwatching auffiel.
Bei der Erklärung der Fährregeln entstand in dieser ersten Folge allerdings genau dasselbe Missverständnis, das wohl auch zu der Diskussion im Forum geführt hatte. Sinngemäß klang es zunächst so, als seien nur Fähren südlich einer bestimmten Lost-Dot-Linie beziehungsweise südlich von Göteborg erlaubt. Wenn man das so hört, könnte man tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass meine Verbindung von Nynäshamn nach Danzig nicht erlaubt gewesen wäre.
Genau das war aber nicht die Regel, nach der ich geplant hatte.
Als ich die Folge hörte, war ich selbst noch mitten im Rennen und inzwischen schon in Griechenland. Ich habe deshalb direkt Feedback an die beiden geschickt und erklärt, wie ich die Regel verstanden hatte und warum ich genau diese Route gewählt hatte.
Dass ich während des Transcontinental Race irgendwo in Griechenland unterwegs bin, währenddessen einen Podcast über genau dieses Rennen höre und dann aus dem laufenden Rennen heraus Feedback zu meiner eigenen Route schicke, ist irgendwie auch eine ziemlich absurde Geschichte.
In Folge #306 – Christoph Strasser beim Transcontinental Race 2026, Teil 3 haben Christoph und Flo mein Feedback dann direkt aufgegriffen und die Sache noch einmal richtiggestellt. Sie sagten selbst, dass sie es vorher schlecht beziehungsweise missverständlich formuliert hatten. Entscheidend war nicht, ob der Ausgangshafen einer Fähre nördlich oder südlich von Göteborg lag. Entscheidend war, dass die Verbindung innerhalb der Ostsee verlief. Damit war auch meine Fähre von Nynäshamn nach Danzig vom Reglement gedeckt.
Damit war für mich auch die ganze Diskussion erledigt.
Interessant fand ich im Nachhinein auch, wie viele Leute genau diese Routenwahl wahrgenommen hatten. Während des Rennens selbst bekommt man davon ja nur einen kleinen Teil mit, aber später sind noch einige Nachrichten und Kommentare dazu bei mir angekommen.
Einer schrieb mir, dass er meinen Dot während des Rennens verfolgt hatte und genau dieselbe Route gewählt hätte. Er hatte selbst schon vier TCRs gestartet und drei davon beendet. Die lange Überfahrt sah er genauso wie ich: Sie kostete natürlich sehr viel Zeit, gab mir dafür aber auch die Möglichkeit, mich zu erholen. Seine Zusammenfassung war ziemlich eindeutig: „Well done and smart routing!“
Besonders spannend fand ich auch die Nachricht von Mikko Mäkipää. Er hatte Nynäshamn ursprünglich selbst als Plan A vorgesehen und schrieb, dass diese Variante bis CP2 ungefähr 70 bis 100 Kilometer kürzer sei. Auch er hatte also genau dieselbe Rechnung aufgemacht: weniger Kilometer auf dem Rad, dafür eine rund 18-stündige Überfahrt. Am Ende hatte er sich wegen eigener Probleme für Karlskrona entschieden.
Auch beim Dotwatching fiel meine Route offenbar ziemlich deutlich auf. In der englischen TCR-Gruppe wurde zunächst sogar vermutet, dass ich mit meinem Tracker Richtung Stockholm unterwegs sei, weil ich vielleicht aus dem Rennen aussteigen und nach Hause fahren wollte. Erst später wurde klar: Nein, der fährt da ganz bewusst hin. Nynäshamn, Fähre nach Danzig – genau so war das geplant. In dem Beitrag wurde meine Variante dann als meine ganz eigene Lösung für das inzwischen berüchtigte „ferry game“ bezeichnet.
Und auch in den Kommentaren nach dem Rennen tauchte die Route immer wieder auf: „sehr interessante Streckenwahl zur Fähre“, „einzigartige Route“, „mega Routenwahl“ oder auch ganz ehrlich: „Ich feier deine Route total – auch wenn ich sie nicht verstehe.“
Das fand ich im Nachhinein fast schöner als jede Diskussion darüber, ob die Route nun optimal war oder nicht. Sie war jedenfalls auffällig genug, dass andere Fahrer, Dotwatcher und selbst erfahrene TCR-Leute darüber nachdachten.
Im Nachhinein ist die Sache ohnehin eindeutig. Ich wurde ganz normal als Finisher im General Classification geführt. Es gab keine Disqualifikation und keine nachträgliche Beanstandung meiner Fährenroute.
Die Route war ungewöhnlich und offensichtlich erklärungsbedürftig. Aber sie war erlaubt.
Und irgendwie gefällt mir die Geschichte im Nachhinein ziemlich gut: Während des Rennens bekomme ich von außen die Nachricht, dass meine Route angeblich nicht erlaubt sei. Gleichzeitig verfolgen andere meinen Dot, diskutieren genau diese Variante und Christoph Strasser und Flo greifen sie sogar im Sitzfleisch-Podcast auf. Ich schicke noch aus dem laufenden Rennen heraus meine Erklärung – und kurz darauf wird das Missverständnis dort wieder aufgelöst.
Am Ende war es eigentlich ziemlich einfach:
Die Fähre war erlaubt. Die Route hat funktioniert. Und sie war meine.
Ich bin sehr froh, dass die Route generell einigermaßen funktioniert hat. Es war deutlich mehr Gravel, als ich mir das vorgestellt hatte – aber das Rad hat super performt. Meinem Rücken geht es jetzt nicht besonders gut, aber ich denke, mit der langen Pause wird es morgen auch wieder einigermaßen rollen. Ich bin einfach nur glücklich, hier in meiner Kabine zu liegen und immer müder zu werden.
Ich habe geduscht, meine Sachen ausgewaschen und warte, dass sie trocken werden. Meine Taschen habe ich ebenfalls noch einmal neu geordnet. Jens hatte mir dazu noch einen Tipp mitgegeben: Wenn Sachen schnell trocknen sollen, muss man sie in ein Handtuch einwickeln und dann mit seinem Körpergewicht darauf herumtrampeln. Damit wird das meiste Wasser herausgedrückt und man kann eine Radhose zum Beispiel schnell wieder benutzbar machen. Genau so habe ich es gemacht, bevor ich ins Restaurant gegangen bin, sodass ich einigermaßen frisch zum Essen gehen konnte.
Die Aktivität auf Strava
- Distanz: 208,19 Kilometer
- Höhenmeter: 1.603 Meter
- Bewegungszeit: 9:06:08 Stunden
- Gesamtzeit: 10:53:56 Stunden
- Gewichtete Leistung: 154 Watt
- Gesamtstrecke im Rennen bis hierhin: 1.631,14 Kilometer
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