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TCRNO12 – Tag 8: Durch Polen bis Prudnik
So langsam wird es tatsächlich ein bisschen langweilig in Polen. Ob das Dorf, durch das ich gerade fahre, direkt hinter Danzig liegt oder 200 Kilometer weiter südlich – es sieht alles erstaunlich ähnlich aus. Der Boden ist hier sehr sandig. In den Orten stehen überall diese kleinen Marterln und Wegkreuze. Sie sind geschmückt und gepflegt. Man merkt einfach, dass die Kultur hier deutlich religiöser geprägt ist als bei uns in Deutschland. Heute ist Sonntag und das hat man wirklich gemerkt: Ich habe immer wieder Menschen gesehen, die auf dem Weg zur Kirche oder von der Kirche kamen. Das ist schon etwas, was man aus Deutschland so kaum noch kennt – zumindest nicht in dieser Menge. Ich mache nachher mal ein Foto davon, die gehören hier einfach dazu.
Ansonsten ist es gerade relativ ereignislos. Es ist flach, es ist ruhig, und genau so wird es wahrscheinlich auch noch viele Kilometer weitergehen. Man merkt aber auch insgesamt, dass die actionreiche Zeit in Skandinavien vorbei ist. Inzwischen hat sich ein eher ruhiger, fast schon langweiliger Rhythmus eingestellt. Das merkt man übrigens auch im Chat. Auch dort ist es in der letzten Zeit deutlich ruhiger geworden. Im Moment passiert einfach nicht so viel Spektakuläres. Vielleicht ist das für euch da draußen auch mal ganz angenehm.
Ich kurble hier einfach mein Ding. Ihr habt euer Leben da draußen, und ich habe hier gerade ein ganz eigenes Leben – körperlich, mental und irgendwo auch im Kopf. Wenn dann morgens die Sonne aufgeht und man durch diese endlosen Alleen fährt, dann ist das trotz aller Monotonie etwas unglaublich Schönes. Ich beschreibe das meinen Kindern immer so: Es ist wie ein Kinofilm, der nie endet. Mal ist er spannend, mal actionreich, mal wunderschön – und manchmal gibt es eben auch längere Szenen, in denen nicht besonders viel passiert. Genau so eine Szene ist gerade.
Und der Wind … der kommt natürlich weiter von vorne. Ich habe im Grunde von Anfang an seit Polen schon Gegenwind. Wenn er von hinten käme, wären wir wahrscheinlich schon fast in Tschechien. So ist es einfach mühsam – vor allem, weil er auch die ganze Nacht über konstant geblasen hat. Selbst im Biwaksack hat man ständig gemerkt, dass ein leichter Luftstrom unterwegs ist. Nicht, dass mich das beim Schlafen gestört hätte, aber man merkt einfach, dass permanent Bewegung in der Luft ist.
Und der Wind haut hier heute dermaßen rein… mies. Hier hat jemand den Föhn angeschaltet, es sind über 30° und er bläst wahnsinnig. Laut Vorhersage wird sich daran heute auch nichts ändern. Das heißt, wir werden uns den ganzen Tag weiter durch den Wind kämpfen müssen. Das gehört eben dazu. Ich hab heut schon zweimal genapped und hab so das Gefühl, dass ich heute Abend auf jeden Fall Dürrobst bin.
Gerade eben gab es aber einen Moment, der mich völlig unerwartet zurück in meine Kindheit katapultiert hat. Schon in der vergangenen Nacht habe ich die Silhouetten dieser riesigen Schaufelradbagger aus der Ferne gesehen. Hier liegen überall ehemalige Tagebaue, aus denen heute große Seen geworden sind. Als ich gerade direkt an einem dieser Giganten vorbeigefahren bin, musste ich einfach anhalten und ein Foto machen. Sofort musste ich an meinen Vater denken. Er war Fotograf bei der Leipziger Volkszeitung und hat in den 1990er Jahren immer wieder die Tagebaue rund um Leipzig fotografiert. Damals waren diese Maschinen keine Museen, sondern Teil einer lebendigen Industrielandschaft. Ich bin mit diesen Bildern aufgewachsen. Schon als Kind haben mich diese gewaltigen Konstruktionen fasziniert. Und jetzt stehe ich selbst vor so einem Giganten. Nicht als Fotograf, sondern als Fahrer beim Transcontinental Race, irgendwo in Polen. Es fühlt sich an, als würden sich zwei völlig unterschiedliche Lebenswege für einen kurzen Moment berühren. Zu Hause liefen manchmal Lieder von Gerhard Gundermann. Wer ihn nicht kennt: Gundermann war Liedermacher, Poet und gleichzeitig Baggerfahrer im Lausitzer Braunkohlerevier. Genau das macht seine Musik so besonders. Er sang nicht über diese Welt – er war ein Teil von ihr. Seine Lieder erzählen von den Menschen, der Arbeit, der Heimat und dem Wandel einer ganzen Region. Vielleicht berühren sie mich deshalb gerade in diesem Moment so sehr.
Später gab es noch eine schöne Überraschung: Nora, jetzt ist es auch bei mir passiert – ein Dot Watcher hat mich 10 Minuten begleitet. Sehr, sehr schönes Gefühl!
Ansonsten war der Tag insofern ereignisreich, als dass eigentlich gar nichts passiert ist. Ich hatte mich heute Morgen bei McDonald’s gut versorgt. Ich habe dort für den ganzen Tag eingekauft, mir fünf McMuffins geholt und sie über den Tag verteilt gegessen. Kurz: Essen tanken und weiter…
Jetzt zum Abendupdate:
Ich stehe gerade hier im Hotel und wasche meine Sachen. Ja, ihr habt richtig gelesen: Hotel. Und ja – das ist tatsächlich meine erste Nacht in einem Hotel während dieses Rennens.
Die Nacht soll regnerisch werden und da bin ich jetzt einfach mal ganz weich und gebe zu: Regen im Biwaksack macht nicht so wirklich Spaß. Außerdem war der Tag durch den vielen Gegenwind doch ziemlich anstrengend. Ich muss ehrlich sagen, dass ich heute dringend eine Dusche gebraucht habe. Ich war komplett eingestaubt. Momentan werden überall die Felder geerntet und ich bin ständig durch diese Staubwolken gefahren. Ich war komplett paniert, wie die Wiener sagen würden.
Heute Morgen habe ich schon geschaut, wie weit ich wohl kommen könnte, und hatte den ganzen Tag den Tab für das Hotel Oaza in Prudnik offen. Für 50 Euro fand ich das völlig in Ordnung. Ich habe mich aber nicht getraut zu buchen, weil ich nicht wusste, ob ich die Strecke überhaupt schaffe. Jetzt bin ich doch angekommen. Eigentlich ist es sogar noch relativ früh. Ich könnte wahrscheinlich noch zwei oder drei Stunden weiterfahren, denn ich fühle mich eigentlich noch recht fit. Aber letztendlich ist es ja egal, wann ich schlafe. Wenn ich heute zwei Stunden früher schlafen gehe, fahre ich morgen eben auch zwei Stunden früher wieder los und hole die Zeit einfach wieder auf. Deshalb ist das manchmal gar nicht so entscheidend.
Jetzt wasche ich noch meine Sachen fertig. Die werden über Nacht wieder trocken. Ich werde jetzt noch ein bisschen schlafen und morgen gegen vier oder fünf Uhr wieder losfahren.
Morgen beginnt für mich in etwa 60 Kilometern der erste Parcours. Danach versuche ich, so weit wie möglich Richtung Jasná zu kommen und vielleicht sogar den zweiten Parcours noch mitzunehmen. Ich werde mich damit aber überhaupt nicht unter Druck setzen. Wenn ich den erst übermorgen erreiche, dann ist das eben so. Danach geht es weiter Richtung Ungarn. Schauen wir mal, was die nächsten Tage so bringen. Ich denke, die Grenze wird dann auch schon recht bald kommen.
In diesem Sinne wünsche ich euch eine gute Nacht. Und wenn doch noch etwas passiert, seid ihr natürlich die Ersten, die davon erfahren!
Die Aktivität auf Strava
- Distanz: 326,13 Kilometer
- Höhenmeter: ca. 1.809 Meter
- Bewegungszeit: 13:40:35 Stunden
- Gesamtzeit: 17:07:16 Stunden
- Gewichtete Leistung: 150 Watt
- Gesamtstrecke bis hierhin: 2.186,17 Kilometer
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